Verlassene Häuser im Fotomuseum / Und: Eigene Geisterhaus-Bilder-Geschichte

Absplitternde Farbe, von Feuchtigkeit gesprengte Tapeten, leere Sessel, durchgelegene Betten: Der isländische Fotograf Orri hat zehn Jahre lang verlassene Häuser in Island fotografiert – von innen. Jetzt ist seine Ausstellung „Innviðir“ / „Innenräume“ im Fotomuseum Reykjavík zu sehen.
Here go to English version
Die Fotografien sind vor allem pastellfarben, gelb, rosa, hellblau. Sie wirken still, so still wie es in den verlassenen und vor sich hin gammelnden Farmhäusern ist. Es sind wunderschöne Aufnahmen, schlicht komponiert. Nicht so gut gefällt mir jedoch, dass die Fotografien alle in derselben Größe ausgestellt sind, lediglich Quer- und Hochformat sich abwechseln.
Ich selbst habe im vergangenen Sommer zusammen mit einer Freundin auch ein Geisterhaus besucht – und bin absolut begeistert von der kunstvollen Schönheit des Verfalls und der Inspiration zu einer kleinen Bilder-Geschichte.

Weitere Infos:
Wer in Reykjavík ist, kann die Ausstellung „Innviðir“ noch bis 8. Mai sehen. Orri ist nicht nur Fotograf, sondern auch Musiker. Zusammen mit Dagur Kári ist er die isländische Band Slowblow. Sie haben u.a. den Soundtrack zum isländischen Independent-Film „Nói Albínói geschrieben.

Hier meine Fotografien davon:

Diese kleine Geschichte ist mir beim Fotografieren eingefallen:
Haus des toten Pizzaboten

Die großen weißen Pizzakartons sind das Einzige, was von ihm geblieben ist. Feuchtigkeit hat sich durch die Wände gefressen. Moos wuchert an den Innenwänden. Die Tapeten schälen sich von den Wänden. Zurückgelassen ist noch der gusseiserne Ofen, in dem der Pizzabote die Bestellungen zubereitet hat. Er war der einzige Pizzabote außerhalb Reykjavíks. Und obwohl er viel zu tun hatte, täglich über weite Strecken zu Pferde seine Pizzen auslieferte, war er ein Einzelgänger. Zurückgezogen lebte er in dem einsamen Haus neben dem Lavahügel.
Doch spätabends, wenn alle Isländer der Umgebung satt vor ihrem Fernseher hocken, hat der Pizzabote doch Besuch empfangen. Heimlich schlich sich dann das wunderschöne Wesen in sein Haus. Jedes Mal brachte sie eine Flasche Lemon-Drink mit, welches der Pizzabote liebte. In einem der vielen Zimmer hatte der Pizzabote ein Liebesnest eingerichtet. Er hatte alle Wände rot gestrichen, in genau demselben Rot wie das abgewetzte Ledersofa. Das hievte er in den ersten Stock. Dann verzierte er die Wände noch mit roten Herzen, die er aus den Pizzakartons geschnitten und ebenfalls rot bemalt hatte. Dort war der Pizzabote nie allein. Es war sein einziger Kontakt, der länger als das Aushändigen einer Pizza dauert. Lang blieb ihm dieses Glück nicht. Wie ein Omen verrät die letzte Flasche Lemon Twenty-One in welchem Alter das Herz des Pizzaboten aufhörte zu schlagen. Wie das geschah, bleibt ein Geheimnis.

English version

Deserted houses in Reykjavík Museum of Photography / And my own ghosthouse story
Splintering color, blown-up of moisture wallpaper, empty chairs, sagging beds: The Icelandic photographer Orri has photographed a decade ruinous houses in Iceland – from the inside. Now he shows in the exhibition „Innviðir“ / „interiors” in the Reykjavík Museum of Photography. The photographs are mainly pastel colors, yellow, rose, light blue. They still act as silent as it is in the abandoned farmhouses. These are beautiful photographs, tender compose. I don’t like, however, that the photographs are all the same size, only landscape and portrait format alternate.
Myself and a friend even visited our own ghosthouse last summer – and I am absolutely thrilled by the artistic beauty of decay.
More infos:The Ausstellung „Innviðir“ is to see til 8th may.

Little story occurred to me by taking photographs:
House oft the dead pizzaman

The big white pizza boxes are the only thing that is left of him. Moisture has penetrated through the walls. Overgrown moss on the inside walls. The wallpaper is peeling off the walls. Left behind is still the cast-iron stove, which has prepared the pizzas. He was the only pizzaman outside Reykjavík. And although he had much to do, daily surrendering his pizzas over long distances on horseback, he was a loner. Retired, he lived in the lonely house next to the hill of lava.
But late at night when all Icelanders full squat before their television, the pizzman has received a guest. Then secretly slipped the beautiful creature in his house. Every time they brought a bottle of lemon drink, which loved the pizzaman. In one of the many rooms the pizzaman had set up a love nest. He had painted the walls red, in exactly the same red as the worn leather sofa. He heaved in the first floor. Then he decorated the walls still with red hearts that he had cut out the pizza boxes and painted red as well. There the pizzaman was never alone. It was his only contact that lasts longer than the delivery of a pizza. But not so long time. As an omen the last bottle of Lemon Twenty-one betrays in which age the heart of the pizzaman stopped to beat. How did this happen remains a mystery.

2 Kommentare

  1. Das sind wirklich krasse Fotos, im positiven Sinne. Ich bin ein ziemlicher Fan von alten, abgewrackten Gebäuden und Fabriken, das sind die besten Fotolocations. Leider gibt es zu wenige davon oder man findet sie nicht bzw. darf sie nicht betreten.

    Lg
    Jan

  2. Hallo Jan, besten Dank für dein Kommentar – und es freut mich sehr, dass dir meine Fotos gefallen. Wenn du derartige Locations auch so sehr liebst, musst du wirklich nach Island kommen, hier werden solche Schmuckstücke nicht wie so oft in Deutschland einfach abgerissen, sondern sind schöne Zeitzeugen des Verfalls. liebe Grüße aus dem Norden, Tina

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